Auf einen Kaffee mit ...

Prof. Dr. Dr. Reinhard Ketelhut, Dozent am Universitätsklinikum Charité zu Berlin und Medical Director des „Medical Center Berlin“

Prof. Dr. Dr. Reinhard Ketelhut ist  zusammen mit seiner Frau, Prof. Dr. Kerstin Ketelhut, Hufeland-Preisträger des Jahres 2012 mit der Präventionsstudie „Gesundheit und Motorik bei Kindern und Jugendlichen besorgniserregend - Ideen, Umsetzung und Effekte eines vielschichtigen Präventionskonzepts“.

Frage: Herr Professor, nach Ihrer beruflichen Vita waren Sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Australien, den USA, in China und der Schweiz klinisch wie auch wissenschaftlich tätig. Wo war es am interessantesten, am spannendsten, am schönsten?

Professor Ketelhut: Spannend war Anfang der 90er Jahre zweifellos China. Dort war ich jedoch nur kurz. Am interessantesten war es in den USA. Hier habe ich in New Orleans die längste Zeit verbracht und auch beruflich das meiste gelernt.

Frage: Sie sind Sportmediziner und Sportwissenschaftler. Wie kamen Sie zur Sportmedizin?

Professor Ketelhut: Das ist eine kleine Geschichte und immer war Sport im Mittelpunkt dieser Geschichte. Hier in Berlin habe ich zunächst Sportwissenschaft und Mathematik studiert, im Nebenfach auch Geographie und Pädagogik und machte das Staatsexamen für das Höhere Lehramt. Dann kam die Medizin ins Spiel. Einen Studienplatz habe ich direkt bekommen und dann ging es Schritt für Schritt ganz klassisch weiter über Facharzt Innere Medizin, Promotion im Bereich Sportmedizin und Gesundheitserziehung bis zur Habilitation für das Fach Innere Medizin hier in Berlin. In all den Jahren waren Sport und Gesundheit sowie Prävention meine Themen. Das ist ein wesentlicher Teil meines beruflichen Lebens.

Frage: Sie sind heute in vielen Fachgremien tätig, publizieren viel und bekamen für Ihre Arbeiten mehrere Wissenschaftspreise. So auch im Jahr 2012 zusammen mit Ihrer Frau den „Hufeland-Preis“. Wie ist der heutige Stand des Projekts?

Professor Ketelhut: Das Projekt geht selbstverständlich weiter, primär beschäftigt sich damit meine Frau, die ja auch die Studie initiiert hat. Ich selbst habe noch einen guten Draht dazu, indem ich die medizinischen Untersuchungen betreue. Übrigens promovieren auch unsere beiden Söhne gerade auf diesem Gebiet. Das läuft also sehr gut und mittlerweile sind mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche involviert. Es haben sich bundesweit viele kleine Zentren herausgebildet, die mit den Erkenntnissen unserer Studie arbeiten.

Frage: Sie führen ja hier in Berlin zusammen mit einem Kollegen das „Medical Center Berlin“. Neben Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sind Sie auch noch als praktischer Arzt tätig.

Professor Ketelhut: Als ich damals in den USA war, lernte ich andere Strukturen kennen, die es hier so nicht gab. In den USA haben die Chefärzte meist keine eigene Praxis, sondern machen Praxistätigkeit in der Klinik. Also Praxistätigkeit und klinische Tätigkeit. Nebenbei auch wissenschaftliche Studien. Mit dieser Erkenntnis kam ich aus den USA zurück. Reine Praxistätigkeit wollte ich nicht machen, reine Kliniktätigkeit auch nicht und nur der Forschung verpflichtet sein auch nicht. Mit einem Kollegen habe ich die Sache besprochen und wir gründeten dann eine reine Privatpraxis. Die Kliniktätigkeit reduzierte ich Schritt für Schritt. Gleichzeitig bekam ich einen Ruf an die Humboldt-Klinik. Insofern hatte ich drei Standbeine: Praxis, Klinik und Wissenschaft. Heute kommen viele Patienten aus der ganzen Welt in unser Medical Center und es läuft sehr gut.

Frage: Arbeiten Sie zurzeit auch an neuen Studien?

Professor Ketelhut: Ja natürlich. Neu sind Studien im Bereich der Hämodynamik, also des Blutflusses in den Blutgefäßen in Abhängigkeit von verschiedenen Parametern wie der Elastizität der Gefäße. Eine Frage dabei ist der Einfluss verschiedener sportlicher Aktivitäten. Kann man durch kurzes hochintensives Training und kurzzeitige Belastung den gleichen Effekt erzielen wie durch Ausdauertraining? Nicht jeder hat heute ja die Zeit zu mehrstündigen Trainingseinheiten.  Und wir stellten fest, ja, das kann man machen. Es ist teilweise sogar noch effizienter.


Frage: Hat Ihrer Auffassung nach Prävention einen angemessenen Platz in der gesundheitspolitischen Diskussion.

Professor Ketelhut: Es ist eine Aufgabe unserer gesamten Gesellschaft, Strukturen zu schaffen, damit das einzelne Individuum die Chance hat, gesund aufzuwachsen. Das Thema Gesundheit muss in unserem täglichen Leben einen höheren Stellenwert erreichen. Es muss ein Lehrfach in der Schule werden. Ich will das mit unserem in den letzten Jahren gestiegenen Umweltbewusstsein vergleichen. Das ist doch in den letzten Jahren immens gestiegen. Früher flog und floss alles irgendwo hin. Die leeren Plastikflaschen lagen am Straßenrand, das Öl beim Autowechsel in der Müllkippe. Da wurde nicht nachgedacht, das war so. Heute haben wir einen sehr viel sensibleren Umgang mit unserer Umwelt. Und diese Sensibilität muss auch im Bereich der Gesundheit stattfinden. Ich meine: Es ist wichtig, dass jeder so früh wie möglich, also schon im Kindesalter, damit konfrontiert wird. Natürlich kann das auch ein Widerspruch zu wirtschaftlichen Interessen sein. Krankheit ist heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Wer krank ist, schafft Arbeitsplätze. Und andererseits ist eine kurze Rentenbezugsdauer „sozialverträglich“. Aber unser Anspruch muss sein: Mit guter Lebensqualität alt werden.
 
Frage: Dann muss auch in der Ausbildung zum Mediziner ein Umdenken stattfinden in der Form, dass der Präventivmedizin ein angemessener Platz im Studium eingeräumt wird.

Professor Ketelhut: Ja, was ist die Motivation, ein Medizinstudium zu beginnen? Einerseits ist es ein Job, der eine gehobene gesellschaftliche Anerkennung hat. Andererseits hat man die Chance, etwas mehr Geld zu verdienen als in anderen Berufen, wobei das heute nicht mehr so ganz zutrifft. Drittens fühlt man sich berufen,  kranken Menschen zu helfen. Viertens kommen noch Wissenschaft und Forschung dazu. Die Frage ist, kann man das steuern und kann man die Leute motivieren für einen bestimmten Bereich im Gesundheitssystem, der Prävention heißt? Gibt es überhaupt ein Berufsfeld für  die Präventivmedizin? Das gibt es weder in der Praxis noch im Krankenhaus. Und die gesellschaftliche Anerkennung ist nicht so hoch. Es ist doch spannend zu sagen, ich habe ein Herz transplantiert und damit ein Menschenleben gerettet. Aber wenn ich sage, ich habe hier im Bezirk tausend Kindern zu einem gesünderen Leben verholfen, interessiert das niemanden. Und dafür habe ich sechs Jahre studiert und den Facharzt gemacht? Die Mehrzahl der Studierenden wird man nicht  dahingehend steuern oder dirigieren können. Man kann nur immer wieder appellieren, wie wichtig Prävention im Gesamtsystem ist. Letztendlich kann man ja damit Kosten sparen und das eingesparte Geld dort einsetzen, wo Hilfe nötig ist.

Frage: Wenn es auf diesem Weg schwierig bis unmöglich ist, muss wohl das Pferd von der anderen Seite aufgezäumt werden. Von der Basis aus.

Professor Ketelhut: Richtig. Wir müssen Präventionsarbeit da beginnen, wo wir alle erreichen. Und das ist in der Schule. Ich hatte die Idee, mit mehreren Bussen in Deutschland von Schule zu Schule zu ziehen und in jeder Schule ein oder zwei Wochen Prävention zu machen. Das ist der einzige Weg, Kinder zu schulen und zu sensibilisieren. Nur so hätten wir langfristig eine Chance. Nicht im Alltag der Kliniken. Da geht es meist nur darum, kostenträchtige Untersuchungen zu machen, damit der Apparat läuft. Aber wie schaffen wir das? Gesundheitsschulung muss in den Lehrplänen der Schulen einen festen Platz haben. Jeder muss ein Gesundheitsbewusstsein entwickeln, wie wir das beim Umweltbewusstsein erlebt haben. Denn wir haben alle den Anspruch, dass es uns gut geht. Wir wollen nach dem Rentenbeginn noch lange leben. Es geht um unsere Lebensqualität.

Frage: Die Medizin wird ja immer weiblicher, mehr Frauen als Männer beginnen das Medizinstudium. Vielleicht wird auf diese Weise ein Wandel im Denken stattfinden?

Professor Ketelhut: Ja, bislang hatten die Frauen nicht so sehr die Chance, sich in der Medizin zu behaupten. Oft wurden sie ab einem bestimmten Alter gar nicht mehr eingestellt. Das hat sich nach meiner Beobachtung geändert. Es muss ja wohl möglich sein, Strukturen zu schaffen, die es ermöglichen, dass Frauen Familie und Beruf unter einen Hut bringen können. Auch unter dem Aspekt, dass wir im Zeitalter des Ärztemangels leben. Übrigens bin ich der Meinung, dass Teilzeitarbeitskräfte zum Teil viel motivierter sind. Wir, meine Frau und ich, haben das selbst so praktiziert. Als unsere Kinder kamen, das war Ende der 80er Jahre, arbeiteten meine Frau und ich jeweils in Teilzeit und das hat sich bezahlt gemacht. Das hat unseren Kindern gutgetan. Das hat uns gutgetan. Aber damals war es für die Kollegen fast unbegreiflich. Teilzeit? Was ist denn das? Ich denke aber, unter den heutigen Bedingungen müssen flexible Arbeitszeitmodelle im Krankenhaus und in der Praxis möglich sein.

Das Interview führte Karl-Heinz Silbernagel, Presse, Deutsche Ärzteversicherung.