Auf einen Kaffee mit ...

... Dr. Detlef Gysan, Hufeland-Preisträger 2017

Frage: Herr Dr. Gysan, Sie haben Humanmedizin in Rostock studiert, dort auch promoviert, wurden an der Universitäts­klinik Köln zum Facharzt für Innere Medizin ausgebildet und haben sich nach der Weiter­bildung zum Kardiologen in Köln nieder­gelassen. Heute arbeiten Sie im Versorgungs­zentrum „Gesundes Herz – Medizinisches Versorgungs­zentrum“ in Köln-Poll und lehren an der Uni Witten/Herdecke. Was war Ihre Motivation, Mediziner zu werden?

Dr. Detlef Gysan

Dr. Gysan: Ja, warum wird man Arzt? Bei mir war es das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen. Da blieb für mich die Wahl zwischen Theologie oder Medizin. Ich habe mich für die Medizin ent­schieden. Und diesen Entschluss bis heute nicht bereut.

Frage: Mit Ihrer Studie, „Langzeiteffekte einer risikoadjustierten multimodalen Intervention bei kardio­vaskulären Hoch­risiko­patienten durch eine random­isierte kontrollierte Endpunkt-Studie“ wurden Sie und Ihr Team für den Hufeland-Preis 2017 nominiert. War die Freude groß?

Dr. Gysan: Ja, denn es ist ein sehr wertvoller Preis. Er ist der deutsche Oscar der Medizin. Einen Preis für Prävention und Ver­sorgungs­forschung auszuloben, war eine geniale Idee. Denn das Arbeits­feld ist riesig und spannend. Vor allem ist es ein Bereich, in dem das Fundament gelegt werden kann, viel Geld ein­zu­sparen, das an anderer Stelle im Gesund­heits­system ein­gesetzt werden könnte. Viele Krank­heits­ursachen sind auf be­einfluss­bare Risiko­faktoren zurück­zu­führen. Gesunde Ernährung, Bewegung, der Verzicht auf Rauchen halbieren das Risiko von Herz-Kreis­lauf­erkrankungen. Das muss den Menschen vermittelt werden. Wenn man da Programme entwickelt, die jeder nach­voll­ziehen und nach­machen kann, würde das den Menschen und dem deutschen Gesundheits­system nützen. Gemeinsam mit meinen Freunden von der Deutschen Sport­hoch­schule Köln, Prof. Georg Prädel und Frau Prof. Birna Bjarnason-Wehrens sowie Prof. Christian Albus, Uni Köln, haben wir ein multimodales System entwickelt, das genau passt.

Frage: Erläutern Sie doch bitte die Erkenntnisse der Studie.

Dr. Gysan: Wenn man Leitlinien zur primären Prävention schreiben will, gibt es wenig Evidenz. Es gibt nur eine knappe Studien­decke und nur wenig Experten­meinungen dazu. Ich habe überlegt, eine Studie zu machen, zusammen mit einem großen Unternehmen – in diesem Fall die Ford-Werke in Köln. Wir wollten wissen, wie hoch die Gefahr für einen Ford-Mitarbeiter ist, einen Herz­infarkt zu bekommen. Die Studie besteht aus zwei Teilen. Eine Kohorten­studie mit ca. 5.000 Menschen zwischen 18 und 62 Jahren. Vom angestellten Banker bis zum Arbeiter am Band. Als Ergebnis stellten wir fest, dass 16 Prozent der Männer und 7 Prozent der Frauen mit der ESC-Score-Berechnung im Hoch­risiko­bereich liegen. Und die meisten wussten nichts von zu hohem Blut­hoch­druck oder von zu hohem Cholesterin­spiegel. Wir konnten auch Diabetes und andere Risiko­faktoren aufdecken.

Dann wurde die Hoch­risiko­gruppe randomisiert in eine Interventions­gruppe und eine Kontroll­gruppe. Erstere bekam berufs­begleitende Reha, die Kontroll­gruppe die Empfehlung, zum Hausarzt zu gehen. Die Rehabilitation bestand aus klassischen Teilen der Reha – nur nicht drei Wochen am Stück, sondern drei Monate berufs­begleitend 2-bis 3-mal die Woche für 2 bis 3 Stunden. Was wollten wir erreichen? Wir wollten zeigen, dass durch eine Risiko­intervention der ESC-Score gegenüber der Kontroll­gruppe besser ist. Wir haben den Score vorher und drei Monaten nach der Reha­maßnahme bestimmt. Die Statistiker sagten, wenn um 0,9 Prozent abgesenkt werden kann, ist das ein Erfolg. Wir haben es geschafft, das Risiko um 2 Prozent zu senken. Ein riesiger Erfolg. Aber wie lange hält das an, war unsere nächste Frage. Unser Ziel war, dass die 2 Prozent Unterschied über die Jahre bestehen bleiben. Ein hehres Ziel. Aber – nach drei Jahren waren es immer noch 2 Prozent Unterschied zugunsten der Interventionsgruppe.

Frage: Wie haben Sie die Menschen über diesen langen Zeitraum motiviert?

Dr. Gysan: Wir haben die Menschen immer wieder mit dem Thema kardio­vaskuläres Risiko konfrontiert, immer wieder den Finger in die Wunde gelegt. Es ist eine regelrechte Gruppen­dynamik entstanden. Wir haben dann weiter die Frage gestellt, wie viele Akut­ereignisse wie Herz­infarkte und Schlag­anfälle können wir verhindern. Nach drei Jahren waren es acht Ereignisse in der Interventions­gruppe und 27 in der Kontroll­gruppe. Ein signifikanter Unterschied. Das hat vorher noch niemand untersucht. Niemand hat vorher gefragt, was passiert, wenn ich nicht den Menschen behandle, sondern ich nehme Einfluss auf den ESC-Score. Passiert dann weniger oder hat das keinen Einfluss? Und es passiert wirklich weniger an Akutereignissen?

Frage: Wenn man das Ergebnis Ihrer Studie liest und kennt, muss doch die Schluss­folgerung sein, der Prävention und Versorgungs­forschung in der medizinischen Prioritäten­skala einen oberen Platz einzuräumen. Trotzdem kommt oft der Argwohn auf, dass Prävention ein Stiefkind der Medizin in Deutschland ist. Ist das ein falscher Eindruck?

Dr. Gysan: Ich würde nicht Stiefkind sagen. Richtig ist sicher, dass Präventions­studien nicht so gefördert werden wie andere Studien. Das liegt daran, dass Unternehmen, die ein neues Präparat entwickelt haben und in den Markt bringen wollen, eine Studie vorweisen müssen, um die Zulassung zu bekommen. Bei einer Präventiv­studie ist kein Präparat der Anlass – es gibt kein Firmen­interesse, diese zu finanzieren. Was eigentlich falsch ist. Wenn staatliche Stellen, wie in anderen europäischen Ländern beispiels­weise, Geld dafür aufwenden würden, könnten solche Studien forciert werden. Unterm Strich werden Kosten durch ein multi­modales Setting eingespart. Es ist besser als eine einfache Therapie eines einzelnen Risikofaktors.

Frage: Dass die Menschen gesund leben, dass sie gesundheits­gefährdende Risiken meiden, ist ja auch in aller Konsequenz ein Thema für Versicherer, im Speziellen im Hinblick auf das Risiko der Berufs­unfähigkeit. Wie ist Ihr Vorgehen aus medizinisch-kardiologischer Sicht zur Motivation für ein gesün­deres Leben?

Dr. Gysan: Wenn man davon ausgeht, dass Herz- und Kreislauferkrankung in der Mortalität an erster Stelle stehen, würde ich Blut­druck und Cholesterin­spiegel messen, einige Fragen stellen, nach familien­bedingten Vo­rbe­lastungen und Rauch­gewohnheiten fragen und dann mit einem Score das individuelle Risiko berechnen. In wie viel Prozent der Fälle sterben sie in zehn Jahren. Wenn also heraus­kommt, das Risiko ist 30 Prozent, dann wissen Sie, dass von dieser Spezies in zehn Jahren 30 Prozent verstorben sind. Das wird aus­gedruckt und übergeben, um es jederzeit zu Hause nachzulesen. Im zweiten Schritt werden die beeinfluss­baren Risiko­faktoren theoretisch normalisiert. Dann wird das Risiko erneut bestimmt und aus­gedruckt. Kommt es zum Beispiel zu einer Risiko­reduktion auf 10 Prozent in den nächsten zehn Jahren, kann der Patient selbst entscheiden, sein Risiko zu minimieren oder nicht. In der Regel sind die Menschen motiviert zu sagen: Natürlich will ich gesund bleiben.

Antwort: Herr Dr. Gysan, vielen Dank.

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