Auf einen Kaffee mit ...

Prof. Dr. med. dent. Klaus Pieper, Direktor der Abteilung Kinderzahnheilkunde im Medizinischen Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Philipps-Universität Marburg.

Hufeland-Preisträger 2010 mit der Präventionsstudie „Frühkindliche Gebisszerstörung – Ein neues Konzept der Prävention als Chancengleichheit für alle Kinder“.

Frage: Herr Professor Pieper, was hat Sie als junger Mensch bewogen, Zahnmedizin zu studieren?

Professor Pieper: Ich bin eigentlich immer sehr technisch und manuell orientiert gewesen. Schon als Kind. Damals gab es den Märklin-Baukasten, der mein beliebtes Spielzeug war. Ich wollte dann einen Beruf ergreifen, der die manuelle Geschicklichkeit mit einem wissenschaftlichen Studium und den damit verbundenen geistigen Anforderungen verbindet. Und da ist die Zahnmedizin sehr gut geeignet.

Frage: Was sehen Sie heute als Faszination Ihres Berufes?

Professor Pieper: Das Faszinierende ist die Vielfalt. Meine Berufsbezeichnung ist Universitätsprofessor. Aber was heißt das? Das heißt heute, dass ich fünf Berufe ausüben muss und zwar als Zahnarzt, also Krankenversorger, Hochschullehrer, der junge Leute ausbildet, Wissenschaftler, Manager und Politiker. Und ich sage Ihnen eines: Der des Politikers ist der stressigste Teil von allen. Ich meine nicht die Hochschulpolitik, sondern die Lokal- bzw. Landespolitik. Ein Beispiel ist diese Zahnklinik hier in Marburg. Die sollte geschlossen werden. Um die Schließung zu verhindern waren langwierige und aufreibende Gespräche mit der hessischen Landesregierung notwendig. Parlamentarische Anhörungen mussten vorbereitet und durchgestanden werden. Das war harte Arbeit verbunden mit schlaflosen Nächten.
 
Frage: Sie entschieden sich beim Start ins Berufsleben für die Wissenschaft.

Professor Pieper: Richtig, aber die Entscheidung kann man nicht alleine treffen. Da muss natürlich das Interesse dafür da sein, aber auch Menschen, die fördern können – und wollen. Mich hat sehr früh die Präventionsforschung interessiert. Als ich angefangen habe zu studieren – im Herbst 1970 – lagen die bahnbrechenden Entwicklungen und Forschungsarbeiten zu Kariesentstehung und Kariesprävention erst wenige Jahre zurück. Entscheidend waren die 60er Jahre, in denen die grundlegenden mikrobiologischen Arbeiten durchgeführt wurden. Das faszinierte mich. Präventionsmaßnahmen, die Krankheiten an der Wurzel packen, da wollte ich mitwirken. Gerade bei Kindern und Jugendlichen war damals die Gebissgesundheit sehr schlecht. So kam die Entscheidung, in die Wissenschaft zu gehen. Dazu kam, dass ich damals mit Professor Motsch einen sehr aufgeschlossenen Chef hatte, der seine Leute so gefördert hat, dass sie sich auf bestimmten Gebieten spezialisieren konnten. Damals, 1980, hatte ich bereits ein großes Projekt initiiert, das später auch Grundlage meiner Habilitation war.

Frage: Ist es wichtig für einen Studenten und auch jungen Zahnarzt einen Mentor zu haben?
 
Professor Pieper: Ja das ist sehr wichtig. Man braucht einen Mentor, der in der Lage ist, junge Menschen neben sich groß werden zu lassen und auch die entsprechenden Freiräume gewährt.
 
Frage: Wenn ein junger Student vor Ihnen sitzt und um einen Ratschlag zu seinem Studium bittet, was würden Sie ihm raten?

Professor Pieper: Mein erster Ratschlag wäre, fleißig zu sein und regelmäßig in die Vorlesungen zu gehen wie auch an den praktischen Arbeitskursen teilzunehmen. Wichtig ist, über den Tellerrand zu schauen, die Literatur zu durchforsten und sich ein möglichst breites wissenschaftliches Fundament zu schaffen.

Frage: Sie haben sich für die Präventionsforschung entschieden mit Focus auf Kinder und Jugendliche. Was sind aus Ihrer Sicht noch Forschungsbereiche die interessant für junge Mediziner sein könnten?

Professor Pieper: Kein ganz neues Gebiet, aber eines, das in Deutschland noch intensiv bearbeitet werden sollte, ist Prävention für Senioren. Hochinteressant hinsichtlich der demografischen Entwicklung in Deutschland. Ich wünsche mir eigentlich ein zweites Forscherleben, denn auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu tun. Wenn ein junger Zahnmediziner sich für Prävention interessiert, würde ich versuchen, ihn auf dieses Gebiet zu lenken.

Frage: Die Medizin wird femininer – ist das auch Ihre Erfahrung in der Zahnmedizin?

Professor Pieper: Das ist ganz deutlich. Als ich 1970 bis 1975 studierte, waren wir im Semester 30 Studenten und davon waren drei oder vier Kolleginnen. Heute ist der Frauenanteil 70 Prozent. Als ich damals in Schweden und Finnland war, erstaunte mich, dass der Frauenanteil dort bei 80 Prozent lag. Später dann, in verantwortlicher Position, habe ich rechtzeitig die Politiker darauf angesprochen und auf den ansteigenden Frauenanteil in unserer Profession hingewiesen. Die Konsequenz der Feminisierung nämlich ist, dass die Lebensarbeitszeit in Richtung Teilzeit tendiert. Das ändert die Patientenversorgung und war mein Argument gegen eine zur Diskussion stehende Schließung der Zahnklinik in Marburg. Wenn man heute die Entwicklung anschaut, habe ich recht gehabt.

Frage: Herr Professor Pieper, noch ein Wort zum Stellenwert der Prävention heute in der Medizin.

Professor Pieper: In den letzten circa 20 Jahren ist Prävention sehr stark in den Vordergrund gerückt. Viele Projekte wurden, sei es von staatlicher Seite wie auch von Unternehmensseite, finanziell gefördert, so zum Beispiel auch die Arbeit, durch die wir den Hufeland-Preis erhielten. Aus der Grundlagenforschung kamen viele Ansätze. Nehmen Sie unser Marburger Modell. Es ist eine Blaupause für alle Regionen in Deutschland, wie man bei Kindern und Jugendlichen in sozialen Brennpunkten Zahnprophylaxe erfolgreich umsetzen kann. Ein einfacher Ansatz, mit dem sich eine 50prozentige Karieshemmung erreichen lässt. Seit 1989 stellen die Krankenkassen, den Regelungen des §21 SGB V folgend, die Finanzierung der Gruppenprophylaxe in Kindergärten und Schulen sicher. Dennoch erhalten nur ca. 10% der Kinder in Deutschland eine hochwirksame Gruppenprophylaxe, wie wir sie schon seit Jahrzehnten in Marburg praktizieren. Ob nicht Wollen oder nicht Können die Ursache ist, sei dahingestellt. Auch hier liegt das Problem - wie auf allen Gebieten der Prävention - in der zeitnahen Umsetzung von Forschungsergebnissen. Deshalb brauchen wir eine Umsetzungsforschung, eine Anwenderforschung! Das ist übrigens ein Thema, das für mich auch immer im Vordergrund stand. Ein interessantes Thema. Auch ein Tipp an die jungen Forscher heute.

Das Interview führte Karl-Heinz Silbernagel, Presse, Deutsche Ärzteversicherung.

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